Arbeits- und Organisationspsychologie im Spitzensport: Entwicklung dynamischer Systeme
Die Entwicklung von sportlicher Leistung, Erfolg und mentaler Gesundheit im Spitzensport wird häufig als individuelle Verantwortung und als Frage der Resilienz betrachtet. Aktuelle internationale Forschungen und Konsensusberichte zeigen jedoch, dass psychische Belastungen eng mit strukturellen und organisationalen Rahmenbedingungen verknüpft sind. Dieser Beitrag beleuchtet die Rolle der Arbeits- und Organisationspsychologie im Hochleistungssport und argumentiert, dass nachhaltige Systemgestaltung nicht nur Gesundheit schützt, sondern auch leistungsrelevante Faktoren stärkt. Spitzensport braucht daher nicht nur mentale Techniken, sondern psychologisch fundierte Organisationsentwicklung.
Kernaussagen des Artikels
- Mentale Gesundheit ist keine primär individuelle Verantwortung.
- Systembedingungen beeinflussen Leistung.
- Hochleistungssysteme achten auf psychologische Wirkfaktoren.
- Psychologische Belastungsevaluierung ist zukunftsfähig.
- Nachhaltige Strukturen fördern Leistung UND Gesundheit.
Klassische Sportpsychologie: Die Arbeit mit Sportler:innen
Ganz ehrlich: Wenn du an Mentaltraining oder sportpsychologische Arbeit denkst, welche Bilder entstehen in deinem Kopf?
Welche Rolle schreibst du Mentaltrainer:innen in einem Team zu? Sind das die Motivatoren, die in der Kabine Motivationsreden schreien? Oder die dauerrelaxten Zen-Meister die Meditation mit gestressten Sportler:innen üben?
Und welche Rolle schreibst du Sportpsycholog:innen zu? Sind diese Therapeuten mit einer Couch in der Praxis und Mindsetzauberer von Olympia-Sportler:innen? Oder die Zuflüster von Top:Trainer:innen.
Zugegeben, über zugeschriebene Rollen und Berufsbilder in der Sportpsychologie habe ich schon Vieles gehört. Viele Rollenbilder der Sportpsychologie sind durchaus Klassiker, und manche sind konstruierte Vorstellungen.
In diesem Beitrag möchte ich mich allerdings einem weniger klassichen Thema widmen: Und zwar der Rolle der Sportpsychologie in der organisationalen Systemgestaltung von Leistungssystemen. Eine Rolle die nicht nur Erfahrung im System Sport, sondern auch Prozesserfahrung in der arbeits- und organisationspsychologischen Beratung im Sportkontext erfordert.
Die Entwicklung von Sportpsycholog:innen im Karriereverlauf
Vom Erfolgsfokus zu mentaler Gesundheit im Leistungskontext
Im Jahr 2025 hatte ich im Rahmen einer internationalen Tagung an einem Workshop mit anderen Sportpsycholog:innen und Mentalcoaches teilgenommen. Im Rahmen des Workshops stellte sich heraus, dass vor allem jüngere Fachkolleg:innen aus der Sportpsychologie einen sehr starken Fokus darauf hatten, Sportler:innen zu Höchstleistung und zu sportlichem Erfolg zu verhelfen. Erfahrenere Kolleg:innen berichteten davon, dass sie im Verlauf ihrer Karriere ihren fachlichen Fokus von sportlichen Erfolgsthemen zunehmend auf Themen wie psychische Gesundheit, Sportverletzungen oder Karriereübergänge legten: Selbstverständlich im Leistungskontext. Durch die jahrzehntelange Erfahrung zeigt sich, dass die Themen in der Karriere von Sportler:innen nicht nur bei sportlichen Leistungen und Erfolgen bleiben.
Themen abseits des Erfolgs
Auch ich bin seit 2014 als Mentaltrainer und Sportpsychologe tätig und durfte vielfältige Erfahrungen im System Leistungssport sammeln. Ich durfte Teams zur Meisterschaft in der obersten Liga mental trainieren und auch auf internationalem Parkett bei Welt- und Europameisterschaften unterstützen. Doch auch die Schattenseiten des Erlebens von ehemaligen Kaderathlet:innen durfte ich begleiten: Neben Karriereenden durch schwere Sportverletzungen bis hin zu Krisen durch geringschätzend kommunizierte Ausselektierungsprozsese aus Nationalkadern.
Mit zunehmender Erfahrung wurde deutlich, dass nicht nur individuelle Faktoren, sondern strukturelle Rahmenbedingungen Leistungsentwicklung und psychische Stabilität maßgeblich, bis hin zu vorzeitigem Drop-Out, beeinflussen. Ich möchte keinesfalls sagen, dass die Sportler:innen „zu schwach“ waren, sondern dass diese in Einzelfällen erkannt haben, dass diese sich nicht mehr mit so sehr mit dem Sport identifizieren wollen, wie es zu Beginn ihrer Laufbahn (meist im Kindesalter) der Fall war und schlicht die Freude verloren haben. Mit manchen Sportler:innen lässt sich Sinn innerhalb des Sports neu finden, doch manche entscheiden sich für eine Karriere 2.0 außerhalb des Sports.
Die andere Seite des Spitzensports: psychische Erkrankungen
Der offenere Umgang mit mentaler Gesundheit im Spitzensport
Während gegen Ende des 20. Jahrhunderts Spitzensportler:innen psychische Gesundheit noch als Voraussetzung galt um überhaupt zu Spitzenleistungen fähig zu sein, hat sich dieses dogmatische Bild mittlerweile geändert.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts häuften sich Beispiele prominenter und erfolgreicher Sportler:innen, welche zur Überraschung vieler Sportreporter über ihre psychischen Belastungen und Erkrankungen sprachen und sogar die Karriere beendet haben. Prominente Beispiele hierfür sind der (1) Tennis-Profi Mardy Fish, welcher in der Netflix Doku „Untold: Breaking Point“ (2021) über die Entwicklung seiner sportlichen Karriere spricht. Eine Karriere, welche die Entwicklung von Angststörungen und Depressionen hatte. Die psychischen Probleme wurden so schwerwiegend, dass er sogar das US-Open Achtelfinale gegen Roger Federer ausgelassen hat und 2012 abrupt seine Karriere beendete. Die Doku zeigt ein System aus aus Erwartungen, Mediendruck und Selbstoptimierung die folgend zur Selbstausbeutung mentaler Gesundheit führte. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die (2) US-Olympionikin Simon Biles, welche sich ebenfalls inmitten der Turnierphase der Olympischen Spiele in Tokio 2021 aus mehreren Wettkämpfen zurückzog. Begründet hat sie diesen Schritt öffentlichen mit ihrer mentalen Gesundheit.
Sportpsychologie als Symptombekämpfer?
Klassische Sportpsychologische Arbeit wird häufig mit mentaler Leistungssteigerung und sportlichem Erfolg in Verbindung gebracht. Dies ist auch eine zentrale Säule der Sportpsychologie. Doch aus eigener Erfahrung als auch dem kollegialen Austausch (Intervision & Supervision; selbstverständlich unter Berücksichtigung der Verschwiegenheit) zeigt sich, dass viele Sportpsycholog:innen Athlet:innen behandeln bzw. therapieren, dessen Symptome eine Folge dysfunktionaler Team- oder Organisationsstrukturen bzw. eine Folge des Hochleistungssystems sind.
Daher lohnt sich der systemische Blick auf Organisationen, die sich als High-Performancesysteme positionieren. Doch zunächst möchte ich die Perspektive auf Mentale Gesundheit im Spitzensport legen.
Studienlage zu Mental Health im Sport
Eine sehr wichtige Veröffentlichung ist der IOC-Konsenbericht (Reardon et al., 2019) zum Thema mentale Gesundheit im Spitzensport. Der IOC-Konsensbericht belegt, dass psychische Erkrankungen bei Eliteathlet:innen mindestens so häufig auftreten wie in der Allgemeinbevölkerung, in bestimmten Phasen (z. B. Verletzung, Karriereübergänge) jedoch signifikant erhöht sind.
Folgende Tabelle zeigt eine Übersicht von psychisch relevanter Symptomatik sowie Erkrankungen und Störungen bei Elite-Athlet:innen:
| Mental Health Symptome und Erkankungen bzw. Störungen | Prävalenz |
| Burnout und schädlicher Alkoholkonsum bei Elite-Athlet:innen aus Teamsportarten | ~ 5% |
| Angst- und Depressionssymptome bei Elite-Athlet:innen aus Teamsportarten | ~ 45% |
| Klinisch relevante psychische Störungen innerhalb von 12 Monaten bei Elite Athlet:innen | 5 – 35 % |
| Zum Vergleich: Psychische Erkankungen/Störungen insbesondere Depression und Essstörungen bei College-Athlet:innen (hohes Leistungsniveau) | 10 – 25% |
Bei dieser Übersicht handelt es sich um eine Zusammenfassung des IOC auf Grundlage einer Vielzahl an Studien zum Themenkreis mentale Gesundheit im Sport. Was die Tabelle nicht zeigt, sind spezifische Unterschiede in Sportart, Geschlecht, Diagnose-Methodik und Krankheitsbilder im Detail.
Ist psychische Erkrankung ein individuelles Defizit?
Klares nein! Auch wenn individuelle Faktoren eine Rolle spielen, so beschreibt auch das Konsensus Statement des IOC, dass mentale Gesundheit das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychologischer und sozial-organisationaler Faktoren ist.
Vor allem bestimmte Systemebenen werden als zentrale Risikofaktoren genannt. Darunter fallen unter Anderem:
- chronischer Leistungsdruck
- Rollenunsicherheit
- Machtasymmetrien
- mangelnde psychologische Sicherheit und
- stigmatisierende Kulturen.
Der IOC-Bericht betont, dass Prävention und Intervention nicht allein Aufgabe der Sportpsychologie, sondern eine strukturelle Verantwortung von Organisationen, Führungspersonen und Verbänden sind.
Mentale Gesundheit als Gestaltungsaufgabe von Hochleistungssystemen
Damit liefert das IOC eine klare wissenschaftliche Grundlage dafür, mentale Gesundheit im Spitzensport als Gestaltungsaufgabe von Hochleistungssystemen zu begreifen und nicht als reine Frage von Resilienz oder individueller Belastbarkeit.
Dies ist insofern keine Überraschung, da diese Sichtweise im Arbeits- und Organisationspsychologischen Kontext schon lange als „state of the art“ zu verstehen ist und auch eine Kernkompetenz dieser Fachrichtung darstellt.
In meiner Arbeit als Sportpsychologe mit Spezialkenntnissen in der Arbeits- und Organisationspsychologie sehe ich es auch als meine Aufgabe, Verantwortungsträger zu diesem Thema zu sensibilisieren, aufzuklären und ihnen meine fachlich-methodische Unterstützung anzubieten.
Systembedingungen im Sport im Spannungsfeld zwischen Leistung und Gesundheit
Welche DNA hat der Spitzensport?
Um den Stellenwert mentaler Gesundheit und den starken Fokus auf „Leistung über Alles“ zu verstehen, ist es auch wesentlich die DNA des Spitzensports zu begreifen: Es herrscht die Dualität von Sieg und Niederlage. Viele Athlet:innen bereiten sich ihr ganzes Sportleben auf Großevents wie Olympia, Welt- und Europameisterschaften vor, um am Tag X eine Größtmögliche Leistung zu erzielen. Alles, was hinderlich wirkt, wird weniger priorisiert oder zur Seite geschoben.
Darüber hinaus gilt Spitzensport als Hochleistungsfilter in dem nur „die Stärksten“ durchkommen. Doch auch hier gibt es Sportsysteme die eher auf „Selektion der Härtesten“ oder auf entwicklungsfokussierte „Fördersysteme“ achten. Härte im Spitzensport braucht es einfach, das ist Teil des athletischen Kodex, auch bekannt als die „sport ethics“ die auch zu einer exzessiven Verausgabungsbereitschaft führen.

In dieser Infografik ist das von mir entwickelte narrative Modell „Dynamische Entwicklung von Leistungssystemen im Sport“ abgebildet. Die Gegenüberstellung basiert auf etablierten arbeits-, organisations- und sportpsychologischen Konzepten und verdichtet diese in einem heuristischen Modell. Hochleistungssysteme die nachhaltige Leistungsentwicklung unter Berücksichtigung mentaler Gesundheit anstreben, sind über methodische Evaluierungsprozesse besser erreichbar.
Doch welche Rolle spielt mentale Gesundheit in der Leistungserbringen im Sport?
Macht Leistungssport psychisch krank oder sind psychische Defizite und Störungen sogar eine Voraussetzung, um Spitzensport zu betreiben? Diese zunächst als provokant erscheinende Formulierung ist tatsächlich Gegenstand internationaler Forschung geworden.
Diese Fragestellung ist allerdings so umfassend, dass dies einen eigenen Artikel verdient. Doch aktuellere Positionen der internationalen Sportpsychologie (Schinke et. al., 2024) belegen eher, dass verminderte mentale Gesundheit auch mit reduzierter sportlicher Leistung einhergeht.
Doch wodurch wird die Leistung dann reduziert, obwohl ja Sport mit dem Körper betrieben wird?
Gründe für das Zusammenwirken (Schinke et al., 2024) zwischen mentaler Gesundheit und Leistung sind vor allem
- Stabilisierung von Konzentration
- Motivation und Routinen
- reduzierte Ausfallszeiten (z.B. durch Burnout, Erschöpfung,…)
- optimierten Erholung nach sportlichen Belastungen (Training oder Wettkampf)
Darüber hinaus ist mentale Gesundheit für
- Entscheidungsstärke
- Resilienz
- Bewältigungskompetenz mit Rückschlägen und Verletzungen
- Umgang mit Wettkampfdruck
von Bedeutung.
Demgegenüber erhöht ein reiner Fokus auf körperliches Training das Risiko
- Burnoutsymptome zu entwickeln
- Körperliche und mentale Ermüdung zu verstärken
- Eines Motivationsverlustes
- Eines Verlustes allgemeiner Leistungsfähigkeit sowie
- Einer reduzierten Bindung zum Sport
Welche Rolle sollten Sportorganisationen in Bezug auf die Team- Organisations- und Systembedingungen einnehmen?
Der Appell, dass auch Sportsysteme im Spitzensport einen höheren Stellenwert auf die System- und Umweltbedingungen legen sollten, kommt auch aus der internationalen Fachwelt (Third International Society of Sport Psychology Think Tank on Mental Health), welche auch ein Consensus-Statement (Henriksen et al., 2024) veröffentlicht haben.
Mentale Gesundheit im System Leistungssport ist dahingehend nicht nur individuelle Verantwortung, sondern auch Sportorganisationen haben hier eine ein Mitverantwortung und sollten auch ein ureigenes Interesse an förderlichen und nachhaltigen Strukturen haben.
Die wirtschaftliche Betrachtung mentaler Gesundheit im Spitzensport
Mentale Gesundheit ist im Spitzensport nicht nur ein Fürsorgethema, sondern ein Ressourcen- und Verfügbarkeitsfaktor:
Sie beeinflusst, z.B.
- Ausfallzeiten
- Reha-Verläufe
- Drop-Out-Rate
- Teamentwicklung und damit indirekt
- Resultate und Budgeteffekte
So zeigen Moseid et al. (2023), dass reduzierte Gesundheit auch mit höheren Burnoutraten bei Athlet:innen einhergeht. Abgesehen von den Ausbildungskosten, Förderkosten und Einnahmenentgang durch reduzierten sportlichen Erfolg lässt sich erahnen, welche ökonomischen Kosten ein einzelner Burnoutfall nach sich zieht.
Leistungspsychologie im Brennpunkt von Sport-, Arbeits- und Organisationspsychologie
Auch wenn in der Praxis die Verschränkung der Arbeits- und Organisationspsychologie im Kontext des Leistungssports kaum Anwendung findet, wird der Einfluss von Systembedingungen auf mentale Gesundheit und Leistung zumindest zunehmend erforscht und diskutiert. So wird der Begriff der Leistungspsychologie neben klassischen Ansätzen der Sportpsychologie und des Mentaltrainings auch im Kontext der Arbeits- und Organisationspsychologie genannt. Darüber hinaus ist die Leistungspsychologie kein Monopol für den Spitzensport, sondern auch für die Wirtschaft, darstellenden Künstlern (z.B. Musiker:innen) dem Militär oder Sondereinsatzkräften von hohem Interesse.
Dies verstärkt die Annahme, dass leistungspsychologische Zustände sowie mentale Gesundheit nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel und der Verantwortung einzelner Athlet:innen betrachtet werden sollten. Dahingehend sollte der Blick von Entscheidungsträger:innen im Spitzensport zunehmend auf die Evaluierung und Gestaltung von Systembedingungen gelegt werden.
Psychologische Leistungsfaktoren auf Organisationsebene
Die Möglichkeit die Ausgangsbedingungen von High-Performance-Systemen auf psychologischer Ebene zu stärken sind vielfältig. Beispiele hierfür sind:
- Psychologische Sicherheit
- Rollen und Zielklarheit für Alle
- Zuverlässigkeit und Vertrauen
- Organisationsdesign und Führungsstruktur (demokratisch/partizipativ VS TopDown Autokratisch)
- Qualitativ hochwertige Kommunikationssstruktur
- Gelebtes Wertesystem mit hohem Identifikationspotential (keine Papiertiger!!)
- Klare Prozesse von der Integration neuer Sportler:innen/Betreuer:innen bis hin zu wertschätzenden Drop-Out-Prozessen
- Kulturdesign (z.B. Teamrituale, Feierlichkeiten, Umgang mit erfolglosen Sportler:innen & wer wird gefeiert?, Umgang mit Betreuer:innen?)
Diese Auflistung stellt allerdings nur einen kleinen Teil der Optimierungsmöglichkeiten auf Team, Organisations- und Systemebene dar. Um konkrete Problemfelder oder ressourcenstarke Faktoren in deiner Sportorganisation zu identifizieren und passende Maßnahmen zu entwickeln braucht es zudem auch einen gut durchdachten Beratungsprozess incl. sorgfältiger Evaluierung mit geeigneten Methoden.
Das verdrängte Potential: Transformation von Strukturen einer Sportorganisation
Betrachtet man allerdings die Tabelle im Artikel zur Leistungspsychologie fällt auf, dass die Umweltbedingungen in Bezug auf die Leistung als wenig beeinflussbar dargestellt werden. Dies ist einer Modellierungslogik geschuldet, welche den Ansätzen der Arbeits- und Organisationspsychologie nicht gerecht wird. Diese Einordnung einer geringen Wirksamkeit erachte ich allerdings als irreführend bis zu Vernachlässigung gesundheitlicher Risiken und übersehenem Potential zur Förderung von echten High-Performance-Systemen. Denn der Glaubenssatz, dass äußere Einflüsse keinen bis geringen Impact haben, nur überholte gesundheits- und leistungsschädliche Strukturen einzementieren. Dieses Risiko besteht vor allem bei Organisationsformen, die sich auch nach außen hin abschirmen und nach innen wie eine Black Box wirken.
Der große Hebel: Systembedingungen gestalten statt Symptomen hinterherlaufen
Die Arbeits- und Organisationspsychologie beschäftigt sich methodisch mit der Evaluierung und Veränderung von strukturellen Bedingungen (z.B. in der Sportorganisation oder einem Industriebetrieb) bzw. der Entwicklung von wirksamen Maßnahmen um ressourcenraubende Bedingungen abzuschwächen oder zu beseitigen.
Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag: Stell dir vor du möchtest morgen eine Radtour unternehmen. Am nächsten Morgen regnet es, deshalb bleibst du zuhause, da du das Wetter ja eh nicht verändern kannst.
Und nun zum alternativen Szenario: Du nutzt eine fortschrittliche Wetter-App (=Evaluierung) und stellst fest, zu welchen Zeiten Regen vorhergesagt ist, und zu welchen Zeiten es trocken bleibt. Somit kannst du in einem ersten Schritt deine Tour zeitlich planen (=Zeitplanung). Zudem erstellst du einen Maßnahmenplan (=Maßnahmenplanung) für den Fall, dass du doch in den Regen kommst. Du bereitest dich mental darauf vor und packst die richtige Kleidung für deine Tour ein. Stimmt, du kannst das Wetter nicht beeinflussen, aber mit der richtigen Evaluierung und Planung kannst du die WIRKUNG dieser nicht veränderlichen Bedingung beeinflussen.
Gesunde und nachhaltige Sportstrukturen schaffen auch Leistung und sportlichen Erfolg
Schon zu Beginn meines Sportstudiums im Jahr 2004 habe ich gelernt, dass in Österreich sehr viele Kinder- und Jugendtrainer einen großen Fokus auf schnelle Erfolge legen, um sich selbst als Trainer zu bewähren. Der Preis aus leistungssportlicher Sicht ist, dass dadurch biologische und psychologische Entwicklungsschwerpunkte falsch priorisiert werden. Diese Erkenntnis kann ich aus Beobachtungen, Interviews und meiner Beratungstätigkeit aus den vergangenen 20 Jahren bestätigen.
„Dank den Sportwissenschaften und der modernen Sportmedizin, hat sich im Bereich der körperlichen Nachhaltigkeit viel getan. Während vor Jahrzehnten junge Talente von überehrgeizigen Trainern körperlich verheizt wurden und diese aufgrund von Überlastungsschäden und Sportverletzungen frühzeitig ihre Karriere beenden mussten, gibt es hier heute mehr Bewusstsein.
Es ist aus meiner Sicht zukunftsfähig, einen stärkeren Fokus auf mentale Gesundheit und Systembedingungen zu legen und beides als Win-Win-Situation zur psychologischen Stärkung von High-Performance-Systemen zu betrachten. Denn letztlich geht es im Spitzensport ja auch um Pokale und Medaillien!“
Definition: Arbeitspsychologie im Spitzensport
Arbeits- und Organisationspsychologie im Spitzensport befasst sich mit der Analyse, Gestaltung und Optimierung von Team-, Organisations- und Systembedingungen in Hochleistungssystemen.
Im Fokus stehen:
* Struktur und Rollenklärung
* Führungs- und Kommunikationskultur
* psychologische Sicherheit
* Belastungs- und Ressourcenmanagement
* Evaluierung psychischer Belastungsbedingungen
Ziel ist die Entwicklung von Maßnahmenvorschlägen zur nachhaltigen Verbindung von Leistung, mentaler Gesundheit und organisationaler Stabilität.
Evaluierung psychischer Belastungen sind in der Wirtschaft verpflichtend
Mehrere Herzen (ego-states) schlagen in meiner Brust. Eines davon ist meine Faszination für die Möglichkeiten, Methodiken und den Mehrwert der Arbeits- und Organisationspsychologie. Daher bin ich davon überzeugt, dass eine flächendeckende Evaluierung von psychologischen Belastungsbedingungen von Vereinen und Verbänden dem österreichischen (oder auch deutschen) Leistungssport gut tun würde.
Während die Evaluierung psychischer Belastungen für Unternehmen seit 1. Jänner 2013 in Österreich verpflichtend ist (§ 4 ASchG Festlegung von Maßnahmen (Arbeitsplatzevaluierung)) und sich die Arbeitsbedingungen seitdem massiv verbessert haben, liegen die Prioritäten im Spitzensport aufgrund dessen strukturellen Besonderheiten woanders. Viele Evaluierungen sind zum einen von der Willkür von Entscheidungsträgern abhängig bzw. fehlendem Bewusstsein zum Thema oder scheitern an finanziellen Mitteln.
Wie sieht es mit der Evaluierung psychischer Belastungen im Sport aus?
Die rechtliche Lage zur Evaluierung von Sportorganisationen ist in Österreich kompliziert. Doch unabhängig von der Organisationsform gilt, dass sobald eine Organisation (auch Sportvereine und Akademien) Mitarbeiter:innen bzw. Angestellte (also nicht Ehrenamtliche) haben, greift die Evaluierungspflicht. Für eine genaue Einschätzung in Sonderfällen (z.B. Profisportler mit Arbeitsverträgen) empfehle ich Juristen zu fragen.
Doch unabhängig von der rechtlichen Situation, haben Evaluierungsprozesse psychischer Belastungen einen Mehrwert für Organisationen für die mentale Gesundheit, motivationale und leistungsförderliche Aspekte.
Wie sehen Evaluierungsprozesse aus?
Grob gefasst braucht es ein Vorgespräch mit Entscheidungsträgern, die Implementierung einer Steuergruppe, die Festlegung von Evaluierungsmethoden und Datenschutzregeln, gefolgt von Online-Befragungen und Fokusgruppen mittels Workshops. Vertieft können die Evaluierungen durch Interviews und weitere bedarfsbedingte spezifische Verfahren werden. Ziel des Evaluierungsprozesses ist die gemeinsame Entwicklung und ausgewählte Umsetzung von Maßnahmenvorschlägen.
Zukunftsvision für nachhaltige Leistungssysteme
Schon alleine aus ethischen Überlegungen heraus braucht es einen selbstbestimmten und menschenwürdigen Spitzensport. Wenn Lindsey Vonn oder andere Athleten das Risiko starker Verletzungen durch ein Comeback nach Kreuzbandriss (wie bei den olympischen Spielen in Cortina 2026) in Kauf nehmen, sehe ich es nicht als meine Aufgabe ihre Entscheidung zu beurteilen. Wesentlich ist, dass es ihre Entscheidung ist und das erachte ich auch als ihr Recht im Sinne der Selbstbestimmung.
Doch ungeachtet ethischer Überlegungen: Während die Forschung im Bereich mentaler Gesundheit im Spitzensport voranschreitet, braucht es auch einen stärkeren Transfer der Erkenntnisse in die Praxis. Bei der Entwicklung von High-Performance-Sportstrukturen reicht ein Wissenstransfer alleine nicht aus. Denn Sportstrukturen gezielt zu optimieren braucht auch Methoden- und Prozesskompetenz. Und hierfür kann die Arbeits- und Organisationspsychologie dem Sport gute Dienste leisten. Denn mentale Gesundheit, gute Systembedingungen und Spitzenleistungen schließen sich nicht aus, sondern können sogar positive Synergieeffekte auf noch bessere Leistungen bewirken.
FAQ – Arbeits- und Organisationspsychologie im Sport
Literaturverweise
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Artikel-Info
Lesezeit: 12 Minuten | Erstveröffentlichung: Februar 2026
